„Das Pompeji an der Oder“

Kriegszeugen aus Stein: Unser Autor begibt sich mit einem Experten auf Spurensuche in das deutsch-polnische Grenzgebiet Von Lucas Negroni

Bomben zerfetzen Häuser und Menschen, unvorstellbare Verbrechen geschehen in Deutschland und stürzen die Welt in eine Katastrophe. Wir, die Generationen, die nach dem Krieg geboren wurden, glauben wahrscheinlich keinen Teil der Menschheitsgeschichte besser zu kennen. Aber wir erfahren die Geschichte als etwas aus zweiter Hand, das nur in Form von Gedenken einen Raum in unserem Alltag einnimmt. Dabei übersehen wir oft die Löcher vom Maschinengewehrfeuer in den Hausfassaden oder die Risse von Granaten in den Gehwegplatten. Wenn man genau hinsieht, sind die Narben des Krieges in Deutschland und im Grenzgebiet noch immer präsent.

Ich war noch ein Kind, als ich das erste Mal eine solche Spur entdeckte. Es dauerte einen Moment, bis mir dämmerte, dass dieser zertrümmerte, von Efeu überwucherte Betonklotz einmal ein Luftschutzbunker gewesen sein musste. In seinem Inneren: Aldi-Tüten und Müll. Bis heute weiß ich nicht, was im Krieg dort geschah, welche persönlichen Schicksale mit diesem Ort verbunden sind. Dieser Bunker erschütterte und faszinierte mich zugleich. Er eröffnete in meiner Sichtweise auf den Krieg eine neue Ebene: Denn hier versuchte niemand die Gedanken des Betrachters zu lenken, er zeigte mir, dass der Schrecken des Krieges genau hier stattfand.

In Berlin fand ich einen Spezialisten für diese Spuren: Gerald Ramm hat bis 2002 als Bestatter im Auftrag der Kriegsgräberfürsorge Hunderte von Soldaten in der Gegend östlich von Berlin exhumiert, ihre Geschichten rekonstruiert und sie in zahlreichen Büchern niedergeschrieben. Er half schon der BBC und Guido Knopp bei TV-Dokus über den Zweiten Weltkrieg.

Ramm kennt die Orte, an denen sich noch Spuren der letzten bedeutenden Schlacht des Zweiten Weltkrieges finden lassen, dem „Sturm auf Berlin“. Er begann am 16. April 1945 entlang der Oder, im Zentrum der heute polnischen Stadt Kostrzyn (damals Küstrin), verlief über das gesamte Oderbruch und mündete in einem Kampf um die Seelower Höhen. Am Ende nahmen die sowjetischen Armeen Berlin in einen Zangengriff und zwangen das Naziregime am 8. Mai 1945 zur Kapitulation. Allein in dieser Schlacht fielen 170.000 Soldaten.

Es ist ein sonniger Tag im Frühherbst, als ich mit Ramm ins alte Küstrin fahre. Wir überqueren die Oder, am Ufer werfen Fischer ihre Angeln aus, drei Bauarbeiter restaurieren ein Stück der Stadtmauer, die seit 1945 nur noch eine Trümmerlandschaft umschließt. Über eine Nietenbrücke rauscht der Warschau-Berlin-Express an uns vorüber. „Küstrin ist das Pompeji an der Oder“, sagt Ramm, als er mich durch die Überreste des zerstörten Städtchens führt. Die Kämpfe zwischen Sowjets und Deutschen haben es völlig zerstört. Übrig geblieben sind nur die Sockel von Gebäuden und holperige Trampelpfade. An einigen dieser von Gras und Efeu überwucherten Reste von Wohnhäusern kann man von außen noch in die Keller spähen. Ramm meint, sie seien heute noch voller Waffen.

Wir erreichen den ehemaligen Marktplatz von Küstrin: In der Mitte einer flachen Ebene steht ein von Geschützfeuer abgenagter Steinstumpf. Auf zwei Fotos zeigt Ramm die Veränderung, die dieser Ort in nur wenigen Tagen des Krieges durchlaufen hat. Das erste zeigt einen von schmucken Fachwerkhäusern gesäumten Platz, der Steinklotz war damals ein meterhoher Obelisk. Auf dem anderen stehen nur noch die dürren Skelette der Häuser.

Als die Festung Küstrin am 30. März an die Sowjets fiel, wurde sie einer der zentralen Orte, für die Planung der Schlacht um Berlin. Bis am 16. April der erste Schuss, der größten, jemals im zweiten Weltkrieg abgeschossenen Salve fiel, hatten die Sowjets rund 2,5 Millionen Soldaten und eine gigantische Kriegsmaschinerie zwischen Stettin und Guben stationiert. Monatelang gruben sie Schützengräben und Kuhlen für die Behausungen der Soldaten auf dem Reitweiner Sporn, einer Hügelkette, nach der die flache Ebene des Oderbruch beginnt. Die Deutschen waren mit rund 100.000 Mann auf den 15 Kilometer entfernten Seelower Höhen stationiert.

Am Fuße des Reitweiner Sporns steht noch die Ruine der Dorfkirche. Bogenförmig, über mehrere Meter erstrecken sich Einschusslöcher auf den roten Ziegeln der Fassade. „Das war eine Granate“, sagt Ramm. Der gesamte Berg ist von den Resten des Schützengrabens durchzogen. Laub und Erde füllen das etwa 1,50 m tiefe Loch.

Von der Stellung der Deutschen ist weniger erhalten: Ein idyllisches Wäldchen aus verschlungenen Weiden säumt den Aufstieg auf die Seelower Höhen. Ramm zeigt auf einen mit Brennnesseln und Dornensträuchern überwucherten Graben. Das sei einmal eine Panzersperre gewesen, also ein so tiefer und gewaltiger Graben, dass selbst Panzer ihn nicht überqueren konnten. Dort könne man noch immer Überreste von der Schlacht finden. In einer Astgabel in einem solchen Graben habe er einmal eine Riegelmine entdeckt – eine nach wie vor besonders gefährliche Waffe, da sie nicht entschärft werden kann. Vor 20 Jahren sei dieser Berg noch voller Gegenstände aus dem Krieg gewesen. „Hier lagen noch Stahlhelme rum“, sagt Ramm. Aber Sammler mit Metalldetektoren hätten den Berg gründlich abgegrast.

Auf dem Rückweg nach Berlin kommen wir an Häuserruinen aus dem Zweiten Weltkrieg vorbei, in Rathstock ist von der Kirche nur noch ein abgekauter Stumpf übrig, in Dolgelin nur noch die Feldsteinhülle. Für eine Restaurierung fehlt in den brandenburgischen Dörfern das Geld. In Sachsendorf halten wir vor einem ärmlich, grau verputzten Haus. Im Vorgarten steht hier seit Kriegsende ein russischer Soldatenfriedhof. 88 in kyrillisch geschriebene Namen stehen auf der schwarzen Marmorplatte, die Hecke akkurat gestutzt. Ramm könne nicht verstehen, warum es immer noch zahlreiche solcher Gräber auf Privatgrundstücken gibt. „Offenbar haben die Menschen, die hier leben, sich einfach daran gewöhnt.“

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